Die HSG Krefeld ist mit fünf Niederlagen in die Saison in der 2. Handball Bundesliga gestartet. Sicher nicht der Start, den sich Mannschaft, Fans und Verantwortliche gewünscht haben. Gerade die Niederlagen gegen den DJK Rimpar Wölfe und EHV Aue, jeweils nach starker Aufholjagd durch Gegentore in den letzten Sekunden zustande gekommen, schmerzen sehr. Grund genug, die Situation mit den Verantwortlichen der Eagles, Geschäftsführer André Schicks und Prokurist Thomas Wirtz, zu analysieren.

Die Saison in der 2. Handball Bundesliga ist nicht so gestartet, wie sich das die Eagles gewünscht hätten. Wie beurteilen Sie die Situation?

André Schicks Natürlich hätten wir uns mehr Punkte – oder überhaupt Punkte – gewünscht. Und wir sind auch davon ausgegangen, dass das gelingen würde. Unter dem Strich muss man aber sagen: Wir lernen. Auf allen Ebenen. Auf der Platte ist eine deutliche Entwicklung zu sehen. Unsere Abwehr macht viel Mut und im Spiel gegen Aue funktionierte dann auch der Angriff sehr gut. Leider haben wir da speziell gegen Aues Adrian Kammlodt kein Mittel gefunden und so erstmals über 24 Gegentore hingenommen. Gerade das Zustandekommen der Niederlage schmerzt natürlich sehr.

Thomas Wirtz Man darf aber nicht übersehen, dass wir von Anfang an gesagt haben, dass es zu so einer Situation kommen kann. Ich habe schon vor der Saison gesagt, dass wir vermutlich vom ersten Spieltag an mit dem Rücken zur Wand stehen werden. Genau das ist nun passiert. Insofern ist es zwar bitter, aber nicht überraschend. Wir waren 2 Mal ganz knapp dran – es ist nicht unmöglich.

Herr Schicks, Sie sprechen den Lernprozess an. Wo äußert sich dieser besonders?

Schicks Überall. Es gibt wirklich kaum einen Bereich, wo das nicht der Fall ist. In der Liga ist ja fast alles neu für uns. Sportlich ist es offensichtlich. Hier haben wir ja schon angesprochen, dass das Team sich näher an die Konkurrenz heran arbeitet. Aber auch organisatorisch gibt es viele Dinge, die sich langsam einspielen.

Zum Beispiel?

Schicks Nehmen wir exemplarisch den Livestream auf Sportdeutschland.tv. Die Produktion der Bilder obliegt den Vereinen. Inklusive Kommentar, Anzeigen und so weiter. Anfangs hatten wir mehrfach Aussetzer in der Übertragung und auch die Anzeigen stimmten nicht, weil die Technik nicht zuverlässig war. Wir haben intensiv gearbeitet, haben eine neue Internetleitung, haben die Technologie im Hintergrund überarbeitet und jetzt läuft alles sehr flüssig. Hier steckt sehr viel Arbeit drin. Noch sind wir nicht zufrieden und arbeiten weiter, wir wollen ein möglichst perfektes Produkt anbieten. Aber man darf auch nicht übersehen: Der allergrößte Teil unserer Helfer machen das alles ehrenamtlich. Umso größer ist die Leistung. Wir haben den kleinsten Etat der Liga und können einfach keine oder kaum hauptamtlichen Helfer beschäftigen.

Wirtz An dieser Stelle auch einen ganz großen Dank an all die Helfer im Hintergrund. Ohne sie wäre Zweitligahandball in Krefeld schlicht nicht darstellbar. Wir müssen sehr kreativ sein und brauchen eine große Menge Herzblut, wenn wir diese große Aufgabe bewältigen wollen.

Wie ist denn die wirtschaftliche Situation der Eagles in der Entwicklung?

Wirtz Wir arbeiten ganz solide – Geld, welches nicht da ist, wird nicht ausgegeben. Bereits in der Aufstiegssaison waren wir mit unserem Etat sehr bescheiden und weit weg von den reichen Clubs der 3.Liga. Nun in der 2.Bundesliga spielen wir David gegen Goliath. Wir haben mit weitem Abstand den kleinsten Etat der Liga. Die Top-Teams der 2.Bundesliga haben wahrscheinlich bis zu einem 3-fachen Etat wie wir hier in Krefeld und arbeiten unter Vollprofibedingungen. Aber genau das betrachten wir alle als Herausforderung. Noch Ende Dezember 18 gab es ernsthafte Überlegungen den Weg in die höhere Klasse nicht anzutreten. Allerdings wollten wir das unseren Spielern und Fans nicht antun. Als Meister zurückzuziehen kann das Ziel nicht sein. Das Team mit dem neuen Trainergespann arbeitet hart und entwickelt sich permanent weiter. Wir haben volles Vertrauen, auch wenn es sehr schwer ist und bleiben wird.

Schicks Wir sind in der Liga praktisch das Gallische Dorf. Nur ohne Zaubertrank. Das muss man ganz klar so sagen. Eigentlich haben wir keine Chance. Aber wir gedenken, diese zu nutzen. Dass uns dann noch wichtige Spieler langfristig ausfallen macht es nicht leichter.

Sie sprechen die Ausfälle an. Wie viel hat die derzeitige sportliche Situation damit zu tun?

Schicks Darüber zu spekulieren ist müßig. Unter dem Strich müssen wir mit dem auskommen, was da ist und niemand weiß, wie es mit vollem Kader gelaufen wäre. Aber klar ist: Sebastian Schöneseiffen sollte unser Spiel organisieren. Gerade im Positionsangriff. Und hier hatten wir in den ersten Wochen große Probleme. Max Zimmermann, der sich im ersten Angriff der Saison das Kreuzband gerissen hat, ist der vielleicht schnellste Spieler im Team und war prädestiniert für Tempogegenstöße, zumal er sehr gut im Abschluss ist. Damit fiel auch diese Komponente weg. Dass wir in den ersten Spielen keine Tore im Tempogegenstoß geworfen haben ist da sicher mehr als Zufall.

Wirtz Wir wollen nicht darüber lamentieren. Wir nehmen die Situation an und arbeiten damit. Aber Ausfälle von Leistungsträgern, was gerade die beiden Genannten ganz klar sind, tun uns jetzt besonders weh. Zumal ja auch weitere wichtige Spieler wie Henrik Schiffmann, David Hansen und Frederik Stammer, sowie in Lübbecke auch Toni Sario, fehlen oder zumindest teilweise ausgefallen sind. Bei einem kleinen Team, das um jeden Punkt kämpft, schmerzt so etwas natürlich noch umso mehr. Hier müssen wir einfach weiter arbeiten und dran bleiben. Der Wille und die Motivation der gesunden Spieler ist absolut ungebrochen.

Wie sind sie denn bislang mit dem Zuschauerzuspruch zufrieden?

Wirtz Zunächst muss man festhalten: Wir haben tolle Fans und die Stimmung in der Halle ist sehr gut. Gerade für einen so jungen Verein, der erst noch eine Fanbasis aufbaut. Den Leuten die da sind also ein ganz großes Kompliment und unseren Dank. Aber ich muss klar sagen: Wir hatten uns sehr erhofft, dass nach dem emotionalen Aufstieg breitere Unterstützung da wäre. Wir sind leider das einzige Team in der Liga, welches sehr deutlich unter 1000 Zuschauer hat – das ist sehr schade und macht uns schon traurig. Die HSG Krefeld kämpft mit bescheidenen Mitteln sehr hart und liefert sehr ehrlichen Sport. Ich würde mir mehr Unterstützung wünschen. Die Mannschaft hätte es verdient.

Schicks Zumal sich natürlich eine volle Halle auf vielen Bereichen positiv auswirkt. Einerseits hilft ein volles Haus und noch bessere Stimmung durch mehr Leute dem Team ganz unmittelbar. Und die Eintrittsgelder erhöhen unseren Spielraum und helfen uns, weitere Strukturen auf und neben der Platte aufzubauen. Aber auch hier: Wir sind uns bewusst, wo wir sind, wo wir herkommen und wir wissen, dass unter dem Strich nur Erfolg die Menschen ins Stadion lockt. Daran arbeiten wir. Wir wissen um die Schwere der Aufgabe und wir haben sie bewusst angenommen und sind stolz, da zu sein. Wir wollen hier etwas aufbauen. Wir glauben an uns, an unser Team und an die Entwicklung. Aber klar ist auch, dass wir konsequent mehr Zuschauer brauchen, um das Projekt dauerhaft weiterführen zu können.

In Arnar Gunnarsson gibt es einen neuen Trainer. Wie beurteilen Sie seine Arbeit?

Schicks Arnar ist hochengagiert. Allein das Tempo, mit dem er Deutsch lernt, ist beeindruckend und zeigt, wie viel Energie er in seine Aufgabe steckt. Und auch auf der Platte sieht man das. Die Mannschaft entwickelt sich jeden Tag spürbar. Ob es am Ende reicht? Das hängt von vielen Faktoren ab. Aber ich bin überzeugt, dass wir in Arnar einen sehr guten Trainer haben.

Wirtz Die Entwicklung stimmt und das Klima in der Mannschaft ist gut. Das zeigen allein die Aufholjagden gegen Rimpar und Aue, auch wenn unter dem Strich leider kein Erfolg heraussprang. Wie gesagt, das schmerzt. Auch die Spieler. Hätten wir diese beiden Spiele gewonnen oder vielleicht drei Punkte geholt, stünden wir nicht auf einem Abstiegsplatz. Es sind die Kleinigkeiten und Automatismen, die es aktuell ausmachen. Hierfür ist Arnar genau der richtige Trainer. Wir glauben fest an ihn. Seine Zeit für eine professionelle Vorbereitung war einfach zu kurz. Zaubern kann er leider nicht, aber er arbeitet ungemein hart und akribisch. Natürlich leben wir nicht im Konjunktiv, aber es zeigt: Trotz suboptimaler Voraussetzungen sind wir nicht so weit weg. Die Punkte werden kommen, da bin ich sicher. Wir sind noch längst nicht abgestiegen.

Gegen Aue hat vor allem ein Spieler Mut gemacht: Toni Sario mit zehn Toren. Wie beurteilen Sie seine Entwicklung?

Schicks Er ist das perfekte Beispiel für das, was ich vorhin meinte. Er wächst, er entwickelt sich. Er ist ein ganz junger Kerl mit 21 Jahren, kommt in ein neues Land, in dem er die Sprache nicht spricht, ist plötzlich Profi, das ist sehr viel, was auf ihn zukam. Er hat ein paar Spiele gebraucht aber gegen Aue hat er gezeigt, was wir seit Wochen im Training sehen. Bisher war viel Last auf KC Brüren, was das Toreschießen angeht. Jetzt haben wir zwei Waffen und die Gegner können sich nicht mehr auf einen konzentrieren. Das hilft. Und auch andere Spieler wie Josip Cutura kommen immer mehr.

Cutura ist aber kein junger Spieler…

Wirtz Nein, aber er hat die undankbare Aufgabe, die Rolle von Marcel Görden zu übernehmen. Marcel war eine Institution und hat mit den meisten Jungs viele Jahre zusammengespielt. Jeder wusste, was der andere macht und Marcel hatte seinen ganz eigenen Stil. Mit Josip muss sich alles erst auf so ein Niveau einspielen. Das geht nicht von heute auf morgen. Aber die Klasse hat er. Zumal bei ihm die Sprachbarriere noch heftiger ist, als bei Toni, denn Josip spricht nicht einmal Englisch.

Schicks Wir sehen aber schon, dass die Anspiele in den vergangenen Spielen besser klappen. Und wer acht Tore gegen den amtierenden Championsleague-Sieger machen kann, der wird uns noch sehr helfen. Wir sind da sehr positiv.

Nun geht es nach Coburg. Was ist das Ziel?

Schicks Coburg ist ein ganz starkes Team. Das wird nicht leicht. Aber ganz klar ist: Wir treten an, um zu gewinnen, sonst könnten wir uns die Reiseausgaben sparen. Mit einer Abwehrleistung wie in den ersten vier Spielen und der Angriffsleistung von Aue haben wir auch bei einem solchen Spitzenteam eine Chance.

Wirtz Klar ist: Coburg ist eins der Top-Teams. Hier sind auswärts Punkte sicher nicht fest eingeplant (lacht). Aber ergeben wird sich niemand - ein Sieg ist immer das Ziel.

Wo landet die HSG am Ende?

Schicks Auch wenn es derzeit nicht so aussieht: Ich bin überzeugt wir bleiben drin. Wir sind eine verschworene Gemeinschaft und haben das schon in der Aufstiegssaison gezeigt. Unsere Zeit kommt noch.

Wirtz Es wird knallhart - bis zum Schluss. Am Ende wird es Platz 16 – Relegation können wir. (Grinst)

Vielen Dank und auf eine erfolgreiche weitere Saison!